Schmerzbewältigung aus psychologischer Sicht
Betroffene, Angehörige und Freunde können mithelfen, den Prozess der Chronifizierung aufzuhalten.
Gesteigerte Empfindbarkeit
Die Empfindlichkeit steigt. Wird ein Reiz, z. B. ein Schmerzreiz öfter wiederholt, so steigert sich meistens die Empfindlichkeit des Betroffenen. Ein Beispiel dafür ist ein Patient, der im Krankenhaus liegt und täglich Blut abgenommen bekommt. Anfänglich tut das meistens nicht sehr weh. Aber nach einer Woche empfindet der Patient bei der Blutabnahme erheblich mehr Schmerzen. Eigentlich müsste man sich daran gewöhnen. Meistens nimmt bei fortlaufender Wiederholung die Empfindsamkeit ab, es tritt eine Gewöhnung ein. Jeder kennt das Phänomen, wenn er z. B. in eine neue Wohnung zieht und ungewohnte Geräusche ihn zunächst sehr stören. Aber schon nach kurzer Zeit merkt er kaum noch etwas davon.
An Schmerzen gewöhnt man sich nicht
Bei Schmerzpatienten ist typisch, dass dieser Gewöhnungseffekt nicht eintritt. Im Gegenteil: Schon ein geringer Schmerzreiz kann nach einiger Zeit zu einer verstärkten Reaktion führen.
Therapie mit unterschiedliche Möglichkeiten
Ziel einer Schmerztherapie ist es, diesen Gewöhnungseffekt auch auf das Schmerzempfinden auszudehnen. Das kann über eine pharmakologische Therapie und/oder ein Psychotherapie und/oder andere Maßnahmen versucht werden.
Belohnung von Schmerzen
Das Schmerzverhalten steht im Mittelpunkt. Positive und negative Reaktionen auf Schmerzen können das Schmerzverhalten des Betroffenen verändern. Auch das ist ein Lernprozess, in dessen Mittelpunkt das sichtbare Schmerzverhalten des Patienten steht. Diese hier beschriebenen Mechanismen kommen in der Praxis sehr häufig vor. Man sollte sie berücksichtigen. Eine ausschließliche Erklärung von Schmerzen aufgrund dieser Phänomene ist aber nicht sinnvoll und verbirgt einige Gefahren. Man sollte nicht mögliche organische Ursachen von Schmerzen übersehen.
Vermehrte Aufmerksamkeit
Beispiel 1: Reagieren Arzt und medizinisches Personal, Angehörige und Freunde mit Trost und vermehrter Aufmerksamkeit auf die Schmerzen eines Patienten, so ist das eine positive Reaktion. Hat sich ein Schmerzpatient bereits in eine soziale Isolierung begeben und leidet unter dem Mangel an Zuwendung, so kann er diese durch entsprechende Schmerzäußerungen erhalten. Das bedeutet aber auch, dass der Patient vermehrt unter Schmerzen leidet.
Ausbleibende Belohnung
Beispiel 2: Bleibt die Belohnung durch erhöhte Zuwendung aus, so werden auch die Schmerzen seltener. Das kann z. B. im Urlaub geschehen, wenn der Betroffene alleine in Urlaub fährt und der Partner, der ihn sonst tröstet, zu Hause bleibt.
Vermeidung durch Passivität
Beispiel 3: Vermeidungsverhalten - der Betroffene verhält sich so passiv wie möglich, um einen Schmerzreiz zu vermeiden.
Abhängigkeit von Medikamenten
Beispiel 4: Medikamenteninduzierter Kopfschmerz z. B. wird hervorgerufen durch den falschen Einsatz von Medikamenten. Der Betroffene nimmt schon bei leichten Kopfschmerzen ein Schmerzmittel ein. Der Kopfschmerz verschwindet. Natürlich wird der Betroffene diesen Vorgang wiederholen, sobald erneut ein Schmerz auftritt. Das führt zu einer immer häufigeren und schnelleren Einnahme von Medikamenten und zu verstärkten Schmerzen.
Exzessives Training
Beispiel 5: Vermeidungsverhalten, das aktiv versucht, Schmerzen zu verhindern. Das ist z. B. durch vermehrten Ausdauersport möglich, bei dem körpereigene Endorphine das Schmerzempfinden beeinflussen. Exzessives und häufigeres Training zur Vermeidung von Schmerzen kann eine Verhaltensweise von Schmerzpatienten sein.
