Was ist Migräne wirklich?
Unser Gehirn kann keinen Schmerz empfinden
Kopfschmerzen an sich sind schon ein Phänomen, das nicht einfach zu erklären ist. Der Grund: Unser Gehirn selbst, das ja schließlich einen großen Teil unseres Kopfes ausmacht, ist gar nicht schmerzempfindlich, denn es enthält keine Schmerzrezeptoren. Schmerzen können nur von den Gehirnhäuten und den Blutgefäßwänden ausgehen. Einflüsse auf diese Strukturen können zu Schmerzen führen. Das ist z. B. bei einem Unfall so, wenn die Gehirnhaut gequetscht oder gedehnt wird (Beispiel Gehirnerschütterung). Auch Medikamente, die die Blutgefäße weiten sollen, können zu Kopfschmerzen führen. Ein Beispiel sind Nitrate, die bei vielen Herzerkrankungen, u. a. auch bei der koronaren Herzkrankheit eingesetzt werden. Die Stelle, an der die Schmerzen am stärksten sind, muss nicht ursächlich mit der Entstehung bzw. der Ursache der Schmerzen zusammenhängen. Insgesamt ist deshalb der eigentliche Mechanismus der Entstehung von Kopfschmerzen noch längst nicht vollständig aufgeklärt.
Verschiedene Auslöser führen zu einem Anfall
Dasselbe gilt für die Migräne. Es gibt sehr viele verschiedene Faktoren, die Migräne und/oder einen Migräneanfall herbeiführen können. Dabei spielen sowohl eine erbliche Veranlagung, als auch die individuelle Reiz-Reaktionsbereitschaft und verschiedene Auslöser eine Rolle. Als häufige Auslöser werden genannt: Alkohol, Nahrungsmittel, Hormone, Medikamente, Schlaf und Stress.
Unterschiedliche Theorien versuchen die Migräne zu erklären
Bei der Entstehung der Migräne werden verschiedene Hypothesen diskutiert. Häufig kann aber eine einzelne Hypothese nicht alle Erscheinungen der Migräne erklären. Die vermuteten Ursachen erklären häufig nur teilweise die unterschiedlichen Erscheinungsformen und Ausprägungen der Migräne. Dennoch ist heute schon vieles über die Entstehungsmechanismen der Migräne bekannt, was auch zu neuen Ansätzen in der Behandlung geführt hat.
Als wichtigste Entstehungsfaktoren der Migräne werden u.a. diskutiert:
- Erbliche Veranlagung
- Reizempfindlichkeit
- Durchblutungsstörung im Gehirn
- Neurogene Entzündung
- Biochemische Veränderungen (Neurotransmitter)
- Migränezentrum im Hirnstamm
Migräneformen und Beschwerden
Migräne ohne Aura
Der Schmerz ist pulsierend, pochend, drückend, bohrend. Die Stärke ist mässig bis stark. Die Schmerzen sind in der Regel einseitig. Es können aber auch wechselseitige Schmerzen auftreten. Dauer der Schmerzen 4 bis 72 Stunden.
Begleiterscheinungen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Harndrang, Lärm-, Geruchs- und Lichtüber- empfindlichkeit.
Migräne mit Aura
Die Aura dauert ca. 5 bis 60 Minuten an. Dauer der Schmerzen 4 bis 72 Stunden. Zusätzliche neurologische Störungen: Sprachstörungen, Halbseitenlähmungen, Gefühlsstörungen, besonders an Händen und Gesicht, Sehstörungen, z. B. verzerrtes Sehen, Flimmern vor den Augen (Flimmerskotom), Sehausfälle, blinde Flecken, Doppelbilder, vorübergehende Erblindung eines Auges.
Migräne mit verlängerter Aura
Die Aura dauert eine Stunde bis hin zu einer Woche an. Dauer der Schmerzen 4 bis 72 Stunden.
Status migraenosus
Die Schmerzen halten über 72 Stunden an. Beim Status migraenosus wird die Migräneattacke trotz Medikamenten nicht unterbrochen. Es kann auch ein neuer Anfall einsetzen, bevor der vorige vollends abgeklungen ist. Zwischen diesen Ereignissen liegen maximal 4 schmerzfreie Stunden im wachen Zustand. Es besteht der Verdacht auf Schmerzmittelmissbrauch oder Kombinationskopfschmerz.
Basilaris-Migräne
Basilaris-Migräne ist eine seltene Sonderform der Migräne mit Aura. Als neurologische Störung treten oft mehrere Symptome auf, z. B. Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Hörminderung, Ohrgeräusche, Gehstörungen, Sehen von Doppelbildern, Sprechstörungen, Missempfindungen an Armen und Beinen, Lähmungen und Bewusstseinsveränderungen bis zur Bewusstlosigkeit. Besonders betroffen sind häufig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Migräneaura ohne Kopfschmerzen
In zunehmendem Alter treten Kopfschmerzen zurück, und Aurasymptome zeigen sich allein. Wichtig: Tritt eine Aura ohne Kopfschmerzen auf, sollten sie abklären lassen, ob es sich nicht um andere Krankheitsursachen handelt.
Habe ich Migräne?
Kopfschmerzen richtig einordnen
Nicht jeder Kopfschmerz ist Migräne. Es gibt 160 verschiedene Kopfschmerzarten. Ob Ihre Kopfschmerzen eher Migränekopfschmerzen sind, oder nicht, können Sie mit Hilfe der nachfolgenden Tabelle einschätzen.
| Spricht für Migräne | Spricht gegen Migräne | |
| Mein Kopfschmerz beginnt | zu keiner bestimmten Uhrzeit, oft auch nachts | immer nachmittags |
| Mein Kopfschmerz beginnt | meist einseitig | immer beidseitig, im Nacken beginnend |
| Mein Kopfschmerz dauert | immer mehrere Stunden, manchmal bis zu 3 Tagen | maximal 2 Stunden |
| Während des Kopfschmerzes | muss ich mich häufig hinlegen, weil fast jede Bewegung den Kopfschmerz verstärkt | kann ich normal weiter arbeiten und sogar Sport betreiben |
| Mein Kopfschmerz ist | pulsierend | haubenförmig oder wie ein Ring |
Die häufigsten Kopfschmerzformen sind der Spannungskopfschmerz, der Clusterkopfschmerz und die Migräne. Wenn Sie wissen möchten, unter welchen Kopfschmerzen Sie leiden, kann folgende Übersicht über die typischen Symptome der drei häufigsten Kopfschmerzformen helfen. Das zu wissen ist wichtig, weil eine wirksame Therapie in diesen Fällen unterschiedlich ist. Bedenken Sie aber, dass diese Übersicht lediglich Hinweise gibt. Sie ersetzt nicht den Arztbesuch und eine genaue Diagnostik. Sie erleichtert aber die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Arzt und kann erste Hinweise geben.
| Migräne | Spannungskopfschmerz | Cluster | |
| Häufigkeit der Schmerzen | 1-2 x/ Monat, selten öfter | 1-2 x/ Woche bis täglich | täglich bis zu 3x |
| Dauer der Schmerzen | 4 Stunden bis 3 Tage | mehr als 5 Stunden bis hin zu Tagen | 15 Minuten bis 3 Stunden |
| Ort der Schmerzen | meistens im gesamten Kopfbereich immer einseitig | einseitig im Bereich von Auge oder Nacken | meistens beidseitig vom Hinterkopf in Stirn oder Schläfe, Schulter ausstrahlend |
| Art der Schmerzen | pulsierend, pochend, stechend, nimmt bei Anstrengung zu | dumpf, drückend, ein "Band umschließt den Kopf" | pulsierend, stechend |
| Schwere der Schmerzen | mittel bis stark | leicht bis mittel | unerträglich |
| Begleit - Erscheinungen | Übelkeit, Erbrechen, lärmscheu, lichtscheu | leichte Übelkeit, laufende Nase | Augenrötung, Augentränen, Herabhängen den Augenliedes, laufende Nase, Schwitzen |
| Reaktion auf den Schmerz | Bettruhe, Dunkelheit | weiterarbeiten | umhergehen, mit dem Oberkörper schaukeln |
